„Was wünscht ihr euch denn alle zu Weihnachten?“ frage ich so in die Runde beim Abwasch nach einem leckeren selbstgemachten Mittagessen. „Einen Laptop“, „Designerklamotten“, „Ein Chello“, „Ein Pferd, Mami ist noch dagegen aber Papa hat schon fast ja gesagt.“. Das war mit eine der verblüffendsten Situationen auf der Konfirmandenfreizeit. Wir waren 25 Konfis und 4 Erwachsene Betreuer, plus 2 ehemalige Konfirmandinnen (14 und 16, die beiden Mädls waren wirklich zuckersüß!). Was die Konversation oben noch spannender macht: sie wurde mit 12-jährigen geführt. Im Vergleich dazu habe ich meinen ersten Laptop mit 19 bekommen. Die Eltern dieser Kinder haben Geld, davon nicht zu wenig. Vor allem die vom Teil der Londoner Gruppe, die „Oxforder“ sind da etwas weniger „poshy“.
Die Kinder waren alle lieb, versteht mich nicht falsch, ungewöhnlich ruhig auch, aber man merkt den Unterschied, wenn man schön mit Kolping unterwegs ist oder mit den Kindern reicher Professoren und Managern. Abwasch war „total eklig“, Pflanzen anfassen auch. Die Kinder sind auch unglaublich auf ihre Eltern angewiesen. Anstatt in der Mittagspause zu spielen mit anderen haben viele mit zu Hause telefoniert. Zu beneiden sind sie nicht, obwohl sie so viel in der Welt herumgekommen sind und so viele Privilegien genießen. Zahllose Erwartungen liegen auf ihnen, strenge Erziehung und enormer Erfolgsdruck. Eine freie, wilde Kindheit ist nicht möglich.
Dafür sind fast alle komplett Zweisprachig. Zwar mäkeln manche an ihrer deutschen Rechtschreibung aber sprechen können sie es fließend. Generell gilt: "I feel pretty English, though" - Ich fühle mich trotzdem ziemlich Englisch. Wenn sie mal wieder ins Englische abdriften (es ist wohl die "coolere" Sprache), dann klingen sie für meine Ohren unheimlich intelligent. Sie sind auch wandlungsfähiger und kreativer/effektiver in ihrem Arbeiten als andere Kinder in ihrem Alter, dass muss ich ihnen definitiv zugestehen.
Spaß können diese Kinder aber auch haben :) bei Spielen wird einfach jeder weich und die gemeinsame Kochzeit hat auch den Meisten super gefallen. Für mich war auch der Anlass spannend. Ich konnte den Kindern "aus 1. Hand" berichten, was Abendmahl in der katholischen Kirche heißt und wo die Unterschiede sind. Am Sonntag morgen durfte ich auch die Abendmahlsmesse mitfeiern, gemäß der "eucharistischen Gastfreundschaft" und außerdem durfte ich das Brot verteilen und eine Lesung lesen, was doch sehr nach Ökumene riecht? Die drei anderen Erwachsenen waren je eine Priesterin und ein Priester und ein Religionslehrer. Interessant waren also auch die Gespräche mit ihnen, zwei Schwaben und einem Augsburger.
Ich ziehe dennoch meine Pfingsti vor, die Leiter und Kinder dort sind einfach nicht zu schlagen ;) Wobei der Ort, Lambourne End in Essex (1 Stunde außerhalb Londons) wirklich ein Traum ist. Die Cottages stehen auf Farmgelände und die Landschaft wunderschön. Das Wetter war perfekt! Sonntagmittag stand ich mal im T-shirt rum. Die Sonne hat morgens den leichten Nebelschwaden gekitzelt und der Raureif ist langsam vom Gras getropft und man hat die Schönheit der Englischen Countryside in sich aufsaugen können. Und diese Stille… für einen jetzt Stadtmenschen wie mich waren das kostbare Minuten und ich konnte Sonne, Frischluft, Land und Weite tanken. So etwas fehlt durchaus in der Großstadt. Ja, das war mein poshy Landwochenende, natürlich habe ich euch auch Bilder mitgebracht, siehe unten.
Da ich ja am Wochenende gearbeitet habe, steht mir Montag, heute, und Dienstag, morgen, frei zu tun und lassen was ich möchte :) also bin ich nach einem Arztbesuch (Fuß kaputt, wegen neuer Schuhe und zu viel Gelatsche. Aber das wird wieder!), aufgebrochen in die Stadt, bin durch China Town und Soho getigert und habe tatsächlich schöne Weihnachtslichter gesehen! Und zwar im Covent Garden. Eher unspektakulär sonst ist es in der Weihnachtszeit in einen dunkelroten Glitzertempel transformiert. Der große Weihnachtsbaum vorm Apple Market sieht fast aus wie auf einem Weihnachtsmarkt zu Hause und in der Luft hing Zimt- und Glühweingeruch. Die ersten Weihnachtsgeschenke liegen jetzt auch schon in meinem Schrank und warten darauf per Avion nach Deutschland gebracht zu werden um rechtzeitig anzukommen für das schöne Fest.
Langsam scheint auch meine typische November-Unlust/schlechte Laune wieder zu verfliegen. Ein Rauf und ein Runter ist dieses Volunteer-Leben, das könnt ihr mir glauben. Sind die nicht verrückt, die beiden Lisa’s? Schreiben die mir doch glatt, dass sie schon Flüge gebucht haben. Für eine ganze wunderschöne Woche wollen sie mich im März besuchen kommen! Ein Tag davon wird mein Geburtstag sein :)
Und Mama und Papa ließen mich zehn Minuten später wissen, dass auch sie einfach schon den Flug über Ostern gebucht haben! Ich freue mich sehr, wir wollen dann nämlich auch nach Cornwall reisen. Bei so vielen guten Nachrichten, einem tollen Wochenende auf dem Land, zwei freien Tagen, wie kann man da nicht plötzlich einfach wieder glücklich sein?
Friedvolle Grüße, Küsse auf eure Nasen,
Veronika
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